Bilder und Erfahrungen einer Feldforschung bei den Warao im westlichen Orinokodelta, Venezuela.


Gliederung

I Einführung

1. Begriffsklärung: Feldforschung

2. Region meiner Feldforschung

3. Bilder, die das "Dort" repräsentieren sollen

II Präfeld

(Bevor man sich ins Feld begibt)

1. Initiierung und Vorlaufzeit: Themenwahl und Mittelbeantragung

2. Vorbereitungen und Abreise

III Im Feld

1. Zusammenarbeit

2. Anlaufzeit

2.1 Wahl des Feldforschungsortes

2.2 Die Anfangszeit

2.3 Bilder zur Ethnologin

2.4 Hineinfinden in die neue Rolle

3.Bilder von den Leuten

4. Methode

4.1 Tagesroutine und Dokumentation

4.2 Informanten, Bezahlung und Arbeitsrhythmus

4.3 Datentypen und Medien: (mit Beispielen)

5. Rolle der Medien (mit Beispielen)

IV Après-Champs

1. Abreise und Rückkehr in die eigene Gesellschaft

2. Nachlaufzeit:

2.1 Weitere Geldbeschaffung und institutionelle Situation

2.2.1 Überlegungen (Was wurde aus den thematischen Vorsätzen?)

V Schlußbemerkung

VI Zitierte Literatur

VII Weiterführende Literatur


zum Ende

I Einführung

Vor anderthalb Jahren bin ich von einer Feldforschung zurückgekehrt und wurde vom Institut für Ethnologie, Tübingen eingeladen, von meinen Feldforschungserfahrungen und ersten Ergebnissen zu berichten.
Für diese Einladung möchte ich mich erst einmal herzlich bedanken, denn solche Anlässe sind wichtig für eine Doktorandin.

Im Folgenden werde ich chronologisch auf die verschiedenen Phasen meiner Feldforschung eingehen, wobei ich den Hauptaugenmerk auf die Anwesenheit im Feld selbst und die dort angewendete Methode lege. Mein besonderes Interesse gilt hierbei den Medien und Datentypen, die einem auf der Feldforschung begegnen.

1. Begriffsklärung: Feldforschung

-> Annekdote
Als Deutscher Wissenschaftler beginnt man eigentlich mit einer Begriffsklärung aber erst mal eine Anekdote:

Als Studienanfänger belegte ich gleich zu Anfang ein Seminar bei einem Psychologen. Der Mann, dessen Namen hier nichts zur Sache tut,fragte uns einschüchternd, wer sich denn allen Ernstes vorstellen könne, eine Feldforschung zu machen. Ich erinnere mich, daß ich mich immerhin traute, den Arm zu heben.
Mein ganzes Studium hindurch war ich mir sicher, eine Feldforschung machen zu wollen, ich war so gesehen "wild auf die Wilden".

-> Begriff der Feldforschung
Der Begriff "Feldforschung" wurde durch einen der wichtigsten Ahnen unseres Stammes, Bronislaw Malinowski, geprägt.Malinowski übertrug ihn aus der Domäne der Physik, wo unter "Feld" ein Versuchsfeld gemeint war: ein begrenzter Untersuchungsraum inklusive der einzelnen Elemente in ihm, die wiederum zueinander in Beziehung stehen.
In der Ethnologie versteht man unter "Feld" traditionellerweise eine überschaubare soziale Einheit, wie etwa ein Dorf oder ein Stamm.
Ein weiteres Merkmal der klassischen Feldforschung ist die Tatsache, daß vom Forscher ein Aufenthalt von mindestens einem Jahr in der Fremde erwartet wird, damit dieser einen gesamten Jahreszeitenzyklus erlebt.
Methodologisch steht die "Teilnehmende Beobachtung iIm Zentrum. Das Leben in der Fremde mit den Fremden,welches eine intensive Konfrontation mit dem Fremden, das ihm Ausgesetztsein, zur Folge hat.

=> Veränderungen unserer Sicht Am Ende steht eine Veränderungen unserer Sicht auf die einstmals fremde andere Kultur und - nach der Rückkehr - auch auf die eigene.
Diese Hin-und-Herbewegung ist das Kernstück der ethnologischen Tuns.
Was die Ethnologen dabei von den meisten anderen Fremderfahrenden unterscheidet, ist das Bestreben,diese Erfahrung zu dokumentiere und im Rahmen des eigenen Faches einer Analyse zu unterwerfen.

-> Medien in der Feldforschung
Obwohl bei der Dokumentation durchaus verschiedenen Medien eingesetzt werden, dominiert in der Darstellung innerhalb unseres Faches weitgehend das Schriftliche. Wie Oppitz anmerkt (Oppitz 1989) war das historisch durchaus nicht immer so wa: In frühen Berichten über fremde Welten standen Bilder und Text durchaus gleichberechtig nebeneindander und das obwohl die Reproduktion von Bildern damals technisch ungleich aufwendiger war.

2. Region meiner Feldforschung:

Meine Feldforschung habe ich im westlichen Orinokodelta in Nord-Ost Venezuela durchgefürt.
Die ethnische Gruppe zu der die Bewohner "meines" Dorfes gehörten, die Warao, sind eine der am besten erforschten Gruppen in Venezuela. Ethnologen (und katholische Missionare) waren allerdings bisher hauptsiächlich in der Kernregion des traditionellen Siedlungsgebietes der Warao, dem zentralen oder bajo Delta tätig.

Die, wenn man so will, dort angestammten Ethnologen sind Dieter Heinen und Johannes Wilbert. Der Sohn des Letzteren, Werner Wilbert, hat ebenfalls in diesem Gebiet gearbeitet. Sie forschen über einen nunmehr sehr langen Zeitraum hinweg, etwa 30 Jahre, im zentralen Delta. Heinen weitete in letzter Zeit sein Interessengebiet allerdings auch in die Randbezirke hin aus.

=> Verwandtschaftsstrukturen unter den Forschern
Auch als Forscher landet man nicht zufällig in "seinem" Feld.Man ist vielmehr Teil einer, in diesem Falle deutschstämmigen intellektuellen Verwandtschaftsgruppe, denn sowohl Heinen als auch Wilbert wanderten aus Deutschland aus. Heinen über die USA nach Venezuela und Wilbert in die USA.

3.Bilder, die das "Dort" repräsentieren sollen

Die folgenden Bilder sollen als erster Eindruck und als stichwortartige visuelle Erwähnung einiger Kultureller Bereiche dienen.

-> Landschaft:
Es ist schön dort, abends und ...

Klick zur Vergrößerung -> mehr kitschige Bilder

- auch tagsüber:

Klick zur Vergrößerung -> mehr zur Morichepalme

Am Ufer Morichepalmen der wichtigste traditionelle Nahrungs- und Rohstofflieferant.

-> In der Landschaft die Menschen

Klick zur Vergrößerung

Klick zur Vergrößerung -> mehr Bilder von Leuten

Mein Nennonkel mit Enkelkind und Tochter vor halbfertigen Schnitzereien
Im Hintergrund das nördliche Ende des Dorfes, der befestigte Weg.
Man sieht Steinhäuser, die sich in Wakajara (sprich: Wakahara) mit traditionellen Palmhäusern mischen.

-> Subsistenz:
Jagen (vor allem Fischen), Sammeln und Brandrodungsfeldbau
sind nur einige der heutigen Subsistenzstrategien ...

-> mehr zum Brandrodungsbau

Der Ausflug zu einem weiter entfernten Bananenfeld in einer Gegend,
wo diese Pflanzen besser wachsen zeigt die Notwendigkeit des Motors
wie auch im (seltenen) Falle des Verkaufs von Überschuß:

Klick zur Vergrößerung

Sammeln: Krebse richtung Flußmündung, Mangrovenwald

-> mehr Bilder von Krebsen

.. für eher symbolische Löhne wird Holz geschlagen
oder es werden Palmherzen an mehrere örtliche Palmherzfabriken
verkauft.

Klick zur Vergrößerung

.. in jüngster Zeit sind die Branchen:
Tourismus (Verkauf von Kunsthandwerk, Motorist)
und Ölförderung hinzu gekommen.

Klick zur Vergrößerung Klick zur Vergrößerung
Touristen auf dem Weg in die
"unberührte" Natur des Deltas
Schnitzen von Tieren aus Balsaholz
-> mehr Tiere und Pflanzen
Klick zur Vergrößerung

Ein Mann, der sein Leben lang auf dem Fluß Zuhause ist,
folgt den Sicherheitsvorschriften der Ölfirma, die ihn zur Gewährleistung
der Sicherheit auf dem Fluß angestellt hat.

-> Soziales Leben

-> mehr Verteilungsbilder

Politik auf Haushaltsebene wird daran deutlich, wer zusammen ißt.

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II Präfeld: Bevor man sich ins Feld begibt

1. Initiierung und Vorlaufzeit: Themenwahl und Mittelbeantragung

Mein Aufenthalt und das Thema meines Antrags waren von Herrn Heinen angeregt worden, der als mein offizieller Tutor die Forschung vor Ort betreute. Sein Interesse, Vergleichsdaten zu bestimmten kulturellen Gebieten (vor allem zur Verwandtschaft, Wirtschaft und Sprache) zu erhalten beeinflußte meine Themenwahl:
Ich wählte eine ethnolinguistische Ausrichtung bei meiner Antragstellung an den DAAD und versuchte so, einen Kompromiß zwischen meinen eignen Interessen und denen nationaler Forscher zu finden.

Vor der Antragstellung:
Doch bevor ich noch den Antrag stellte, reiste ich für 5 Wochen vom 4. August - 10. September 1997 nach Venezuela, wo ich zuerst auf Anraten Heinens einen Kongresses in Ciudad Bolivar besuchte, an den sich ein kurzer Besuch in das zentrale Delta anschloß.
Meiner Antragstellung wurde nicht nur durch die über Heinen gewährleistete Anbindung an die Forschungsinstitution IVIC der Rücken gestärkt, sondern eine Ölfirma, mit der Heinen zusammenarbeitete, versprach technische Unterstützung.(Wie sich herausstellte, eine nicht ganz unkomplizierte Übereinkunft.)

Warum DAAD?
Sicher ist die Frage berechtigt, warum ich den DAAD wählte und nicht eine andere stipendiengebende Organisation. Am meisten gefiehl mir die Flexibilität des Ein- Jahresstipendiums.
Wie bei anderen Organismen, bestand die Notwendigkeit einen Zwischenbericht und einen Abschlußbericht zu schreiben, eine Forderung, die mir half, schon im Feld über die weitere Strukturierung der Forschung nachzudenken.

Allerdings war das DAAD Stipendium keine auf eine ethnologische Feldforschung zugeschnittene Sache. So mußten sich meine Geldgeber beispielsweise immer wieder über meine schlechte Erreichbarkeit wundern (ebenso erging es der Ölfirma). Man war allerdings höchst zuvorkommend und interessiert von Seiten des DAAD.
=> Es kann durchaus von Vorteil sein, ein "Exot" innerhalb einer geldgebenden Institution zu sein.Eine Rolle die man als Ethnologe häufiger spielt.

2. Vorbereitungen und Abreise

Trotz aller Vorbereitungen blieb die Unternehmung eine Reise ins Ungewisse. Ich hatte kaum Zeit und geeignetes Material gehabt, um die Sprache zu lernen. Allerdings wollte ich meine "Unvoreingenommenheit" dazu nutzen, meinen Spracherwerb zu dokumentieren. Dazu legte ich ein spezielles Medium an: Karteikarte (siehe weiter unten ).

- Emotionen:
Geht man davon aus, daß persönliche Faktoren die Forschung beeinflussen, so sind auch Emotionen des Forschers bedeutsam. Dazu ein Beispiel aus meiner Forschung, das zeigt wie die Haltung Fremden gegenüber von Bekanntem beeinflußt wird:
Als kurz vor der Abreise meine Oma stirbt und im Flugzeug der Platz neben mir leer bleibt, habe ich das Gefühl, daß sie mich quasi als Schutzgeist begleitet. Interessanterweise empfinde ich die Frau, die mich in meine Gastfamilie integriert als meiner Oma ähnlich.

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III Im Feld

1. Zusammenarbeit

Vor Ort sollte wie erwähnt eine Zusammenarbeit mit einer vor Ort operierenden Ölfirma stattfinden. Zwei Angehörige des IVIC sollten ebenfalls im Gebiet forschen.
Beides stellte sich als äußerst bereichend allerdings zeitweise auch als frustrierend dar.
Leicht kann die Beziehungen zwischen den einzelnen Akteuren in einem solchen von den Einzelnen unterschiedlich definierten Feld mehr Aufmerksamkeit beanspruchen als die eigendlichen Aufgabe, denen man sich in der fremden Kultur verschrieben hatte.
Tatsächlich war ich als von außen kommend gegenüber einheimischen Angehörigen größerer Organisationen in einer strukturell schwachen Position. Dies hatte Manipulationsversuchen zur Folgen, denen ich nervlich nicht immer gewachsen war.

Als Vorteil möchte ich allerdings vor allem die 3 Vorträge werten, die ich für Ölfirma und IVIC erarbeitete und die mich zwangen, erste Analysen zu konkretisieren. Abgesehen davon, erfuhr ich mehr über bestimmte Aspekte der nationaler Wirtschaft und Politik.

2. Anlaufzeit:

2.1 Wahl des Feldforschungsortes

Die Spannungen in der Zusammenarbeit mit der Ölfirma, Delta Centro,wurden druch die persönlichen und fachlichen Qualitäten meiner Hauptkontaktperson, des Sozialbeauftragte der Ölfirma aufgewogen.
Herr Weibezah, half mir enorm bei der Suche nach einer Gemeinde, in der ich meine Feldforschung durchführen konnte. Er bot mir die Möglichkeit verschiedene Orte zu vergleichen, da er mich zu verschiedenen Orten (zu manchen mehrmals) mitnahm und seine Informationen mit mir teilte.

Diese Hilfestellung war um so wichtiger, als Heinen, erst einige Wochen nach mir ankam. Obwohl er sich vergleichsweise seltener in diesem Teil des Deltas betätigt hatte, kannte er auch hier Leute unter den Warao. Ein regionalpolitisch sehr umtriebiger, Mann aus Wakajara schlug vor, ich solle doch seinem Steinhaus im Dorf einziehen.
Er ging sicher davon aus, daß ein solcher Ort für eine Nichtindianerin geeignet sei.
Ich fragte mich meinerseits über seine Motive. Da er selbest einen Großteil seiner Kindheit und Jugend bei Criollos verbrachte, nahm er eine klassische Mittlerposition ein. Auch hoffte er vielleicht, durch das Herstellen einer Verbindung über mich zur Ölfirma auf Arbeit bei dieser. Tatsächlich war er der einziger Warao, der zeitweilig einen festen Posten bekleidete.

- Das Dorf selbst.
Allgemein machen Warao Fremdem gegenüber einen sehr offen Eindruck.Der Ort, in den ich ziehen sollte, "Wakajara de La Horqueta" wurde mir von einem Mitarbeiter Heinens, der die Criollo in La Horqueta beforschte als besonders freundlich und umtriebig nahe gelegt.
Während meines Aufenthaltes gewann ich den Eindruck, daß man sich in Wakajara in Wechselwirkung mit der venezolanischen National- oder Criollo-Kultur selbst als unter modernisierungsdefizit leidend stilisiert. Man strebt meiner Meinung nach ein ein Ideal an,welches sich als "Moderne Warao" charakterisieren ließe.
Ein Ideal, das es einerseits erlaubt, Warao zu bleiben, anderseits den Vorwürfen des unwissenden, schmutzigen und rückständigen "indios" entgegenarbeitet.

2.2 Die Anfangszeit

Von zu Hause brachte ich nützliche Hinweise meiner Zunft mit, wie ich mich anfänglich verhalten solle:
möglichst neutral auch in Wahl des Wohnortes sollte ich sein. Als neutraler Ort komme etwa ein Gemeindehaus in Frage. Allgemein solle ich mich anfänglich eher kühl, wenn auch freundlich zeigen und auf der Hut sein, mich nicht zu früh von bestimmten Gruppen instrumentalisieren zu lassen. Kurz gesagt, ich sollte als dritte unabhängige Macht aufzutreten
Ich versuchte daher, persönliche Beziehungen zu unterschiedlichen Strängen oder Verwandtschaftsgruppen aufbauen und mich nicht nur auf die engere Familie meines Einlanders zu beschränken.
Natürlich hatte ich mich zunächst eher den Eindruck, den Fremden ausgesetzt zu sein, als daß ich mich in einer unabhängigen Machtposition gefühlt hätte. Meine Unfähigkeit Warao zu sprechen schränkte meine Handlungsfähigkeit enorm ein. Doch war ich stur, in Spanisch wollte ich nicht reden. Hierfür kamen sowieso fast nur Männer in frage, die Frauen waren wenig erpicht darauf, Spanisch zu sprechen. Ich meinte so leichter auch Zugang zum Frauenbereich zu finden, von dem ich aus Claudia Kalkas Buch wußte, daß er was die Familienpolitik anging mindestens so wichtig war wie der männliche.
Auf nichtsprachliche Beobachtungen zurückgeworfen, nahm ich allerdings in dieser ersten Zeit auch Dinge war, die mir später nicht mehr auffallen sollten. Denn vieles anfänglich ins Auge springende wird mit der Zeit vom Nebel des alltägliche verhüllt. Gerade die Anfangszeit liefert damit eine Art von Daten, die später so nicht mehr zugänglich sind. Man sollte diesen Zeitraum daher sehr breit und detailreich dokumentieren. Zu einer Zeit, da man noch nicht weiß, ob es sich bei den beobachteten Phänomenen um Ausnahmen oder Schlüsselsituationen handelt, um alltägliche oder singuläre Vorkommnisse. Regel und Ausnahme sind noch nicht von einander getrennt.

2.3 Bilder zur Ethnologin

- meine Vorgänger in Sachen "Fremde" bei den Warao:

Klick zur Vergrößerung

v.l.n.r.Heinen, eine Nonne, ein katholischer Missionar

-Mutter des Mannes,der mich eingeladen hatte:
fiktive Tante vä:terlicherseits (dakatai)
und wichtigste Integrationshelferin

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- Foto auf Wunsch der Leute:

Klick zur Vergrößerung

eine Weiße ohne Schuhe auf dem Boden
und mit den Händen essend

- vertauschte Rollen:

Klick zur Vergrößerung -> mehr Bilder von der Ethnologin

ausnahmsweise "arbeitet" die Ethnologin
und die anderen schauen zu.

2.4 Hineinfinden in die Gesellschaft

Mein Hineinfinden in eine soziale Rolle innerhalb des Dorfes kann als Übergang von der Fremden (kiri'tiana) zum Quasi-Familienmitglied ("iji warao") beschrieben werden. Der Ausdruck "kiri'tiana" leitet sich vom spanischen "cristiano" (Christ) ab. "iji warao, dijana" (du bist jetzt schon Warao) war eine häufige halbhumoristische Bemerkung, die man immer dann anbrachte, wenn ich etwas besonders waraotypisches beziehungsweise etwas für Nichtindianer untypisches tat:

  • mit dem Einbaum fahren
  • mit den Händen essen
  • und vor allem in der Waraosprache sprechen
  • und barfuß laufen.

  • Meist gab der Besuch auswärtiger Verwandter oder nichtindianischer Venezolaner Anlaß zu solchen Kommentaren.

    -> Anfangszeit
    In der Anfangszeit der ersten Monate war ich ein ausländischer Gast, der potentiell Zugang zu wichtigen Ressourcen materieller wie ideeller Art (Macht, Prestige) versprach oder einfach nur Hoffnung auf etwas Unterhaltung entstehen ließ.
    Etwas einsam und unsicher, unter der ständigen Beobachtung neugieriger Kinderblicke lebte ich im Steinhaus meines Gastgebers. Wie eine Criolla kochte mein eigenes Essen nicht auf Art der Warao.

    Hierzu ein Zitat aus meinem Tagebuch:
    "-> Meine Stimmung ist etwas gedrückt, mir geht es auf die Nerven, von den Kindern überall hin verfolgt zu werden und angeglotzt zu werden, egal was ich tue. Aber ich muß wohl Geduld haben, schließlich war es mein Wille , hier zu sein. " [1/T II-19]
    Offensichtlich störte mich das fehlen einer Privatsphäre, an die man als Deutsche gewohnt ist.

    Ich plauderte mit meinen Nachbarn so gut es ging und begab mich regelmäßig auf Spaziergänge durch das Dorf, um Kontakte zu knüpfen. Meine einzige fest strukturierte soziale Aktivität war der Tausch von gekauften Nahrungsmittel gegen solche aus der Eigenproduktion der Dorfbewohner, der anfangs nicht sehr einträglich für die Gegenseite war.
    Dieser Tausch beschränkte sich weitgehend auf die Mutter meines Gastgebers und deren Schwester.

    ->Annäherungsphase
    In der Annäherungsphase ab dem zweiten Monat besuchte ich meine unmittelbaren Nachbarn und meine Tauschpartnerin häufiger. Auch begleitete ich eine Gruppe junger Männer und einiger Mädchen zu den Warao-Sportspielen in Tucupita, wo ich in fremder Umgebung zum ersten Mal eine größere Zugehörigkeit verspürte und meinen Kontakt zu den jungen Männern ausbauen konnte. Wärend der Spiele übernahm ich die Rolle eines Berichterstatters und bot den Daheimgebliebenen durch meine Photo, Anschauungsmaterial. Die dokumentierende Funktion der Fotos wurde damit uns allen deutlich vor Augen geführt.

    -> Eingliederung
    Als mein Gastgeber, der Hausbesitzer, nach etwa vier Monaten selbst mit einer jungen Criollo-Frau in das Haus einzog, räumt ich zunächst mein Zimmer und logierte im Vorraum. Später äußerte ich dann den Wunsch, in eines der Häuser der Familiengruppe, meines Gastgebers, der seine Mutter als älteste Frau vorstand, umzuziehen.Da ein Haus leer stand und temporäre Gäste nichts ungewöhnliches sind, willigte man ein.
    Meine Beobachtungen wurden nun um ein Vieles intensiver: Ich verbrachte den ganzen Tag in Gesellschaft von Mitgliedern meiner Gastfamilie und begann sie überall hin zu begleiten unter anderem auch auf Ausflüge in die nähre und weiter Umgebung des Deltas.
    Jeden Freitag fuhr ich mit Männern der Gruppe, bisweilen von einigen Frauen begleitet, nach Tucupita um Nahrungsmittel zu kaufe. Tendenziell versuchte ich, mich nicht nur auf ein paar Personen zu konzentrieren, sondern zu allen einen engeren Kontakt aufzubauen. Meine Beziehung zu Dorfbewohnern außerhalb der Familiengruppe hielt ich weiterhin aufrecht auch wenn ich damit bisweilen die Grenzen gruppeninterne Beziehungsgeflechte überschritt.

    -> Endphase
    In der Endphase war ich weitgehend in die Familie meiner Nenntante und damit in das Dorf integriert:
    Dies fand vor allem in der Verwendung fiktiven Verwandschaftstermini seinen Ausdruck, mit denen ich alle Dörfler ansprach. Diese leiteten sich von meiner ersten Tauschpartnerin, meiner Nenntante, ab. Sie fungierte als Tante väterlicherseits (dakatai).
    Manchmal schienen wir alle die Grenzen zwischen (auch scherzhafter) Fiktion und ernster Realität nicht genau bestimmen zu können. Es war allen Beteiligten prinzipiell gegenwärtig, daß ich, ein Gast aus einem fernen Land, kein normales Familienmitglied war. Doch hatte sich die Grenze vom fremden Gast hin zum verwandten Gast zu verschieben begonnen und sollten beim Quasifamilienmitglied endete.
    Hatte man mich anfangs beispielsweise ausweichend von bestimmten Informationen, die eine Fremde nichts angingen (etwa dem Grund eines Streits) ausgeschlossen, so erklärte man mir gegen Ende meines Aufenthaltes bereitwillig alles,da es nur natürlich erschien, daß ich mich dafür genauso interessierte wie die übrigen Mitglieder der Familiengruppe. Als der Tag meines Abschieds nahte, wurde mir bewußt, wie sehr ich meine Umgebung als eine Art zweite Familie zu akzeptieren begonnen hatte.

    hierzu noch ein Zitat aus meinem Tagebuch
    -> Mein letzter Tag in Wakajara (vorgestern). (...)
    - Lora war weggegangen (kube jobikitane) bei [1/T VI-188] Caraolinas Mutter am anderen Ende des Dorfes (akariata). Ich interpretierte es so, daß sie sich den Abschied ersparen wollte, denn sie setzte mich davon in Kenntnis, daß sie jetzt gehe. Da ich um 13:00 Uhr immer noch da war, traf sie mich noch an. In den letzten Tagen ist sie immer ein bißchen krank gewesen.(...). Ich war eigentlich guter Dinge, wollte aber los. Als ich dann in Pallazos Boot stieg, spürte ich einen starken Druck auf der Brust und die Zurückgebliebenen winkten mir in einem Akt kulturellen Kompromisses zu. (...)[1/T VI-189] ((man winkt eigentlich nicht)
    => Die anderen sind auch emotional betroffen

    - Analyse
    Der geschilderte Prozeß ist nicht nur Reflexion über meine Rolle gedacht. verät doch die Tatsache, wie man mit mir als Fremde umging, wie man mich integrierte und sich abgrenzen etwas über Identität der Gruppe:
    Für die Warao schien es nicht undenkbar, daß jemand die kulturelle Identität wechselt. Hierbe sind Essens- und Lebensgewohnheiten neben der Beherrschung der Sprache starke Eckpunkte der Identitätszuweisung. Über einen Warao, der schon lange in La Horqueta unter Criollos gelebt hatte, sagte man beispielsweise, er sei zu eine Criollo geworden: kiri'tiana eku nakae (wörtlich: "in die Criollos hinein gefallen"). Wohingegen man umgekehrt auch Beispiele nennen konnte, in denen Criollos zur Waraolebensweise übergewechselt waren. Solche Leute bezeichnete man dann auch als Warao.
    Mich forderte man mehrmals scherzhaft auf, doch im Dorf zu heiraten.
    Die Fähigkeit eine Sprache zu sprechen wird als fast genetisch betrachtet: So fragte mich eine mir völlig fremde alte Waraofrau aus dem zentralen Delta, die ich auf Warao angesprochen hatte, ob meine Mutter Warao sei.

    3. Bilder von den Leuten

    -> siehe auch meine Webseite "Bilder von den Warao"

    -> junge Kinder:

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    -> Kinder:

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    (sie sind so frech, wie sie aussehen)

    - Junges Paar:

    - älteres Paar:

    Klick zur Vergrößerung

    4. Methode

    Ein weiteres Zitat aus meinem Tagebuch:
    "Bibel nach Dammann:

  • Gehe hin in produktiver Unsicherheit!
  • Sei naiv! [fällt meist nicht schwer]
  • Frage dich: Wie ist mein Forschungsgegenstand beschaffen?
  • Welche Erkenntnisperspektive ist ihm angemessen?
  • " (9.04.98 Matu: T I-42)

    4.1 Tagesroutine und Dokumentation

    Nach anfänglicher Unsicherheit und Kampf mit den Widrigkeiten der sozialen und weiteren Umwelt, fand ich langsam in meine Rolle als Feldforscherin und quasi Familienmitglied hinein und entwickelte eine tägliche feldforschungsroutine.
    Hierbei benutzte ich verschiedene Medien:

  • Fotoapparat
  • Notizblock
  • MD-Recorder
  • Täglich morgens führte ich Tagebuch
    Das Schreiben als der dortigen Kultur weitgehend fremde Technik wirkte entfremdend innerhalb der trügerischen Illusion in der Gemeinschaft der anderen unter zu gehen. Gleichzeitig war diese Tätigkeit identitätsstiftend für meine Arbeit als Ethnologe.
    Aus der Sicht der Dorfbewohner, die schreiben als reines Abschreiben lernen, in einer Schule, in der auf Spanisch unterrichtet wird, blieb meine Art zu schreiben trotz Erklärungen meinerseits wohl undurchsichtig.Deshalb kam ich mir bisweilen wie ein Spion vor.

    - Interessenschwerpunkte
    Meine Interessenschwerpunkte lagen zum Teil von vornherein fest, orientierten sich an den Interessen meiner Kollegen vor Ort oder kristallisierten sich in der Feldforschungspraxis heraus.
    Prinzipiell interessierten mich alle Bereichen der Kultur. Da während meines Aufenthaltes sowohl regionale als auch landesweite Wahlen (-> Bilder von den Wahlen) stattfanden, rückte unter anderem die Politik ins Zentrum meines Interesses. Um dieses Thema herum lassen sich die Bereiche:

  • Identität
  • Verwandtschaft
  • Sozialstruktur
  • Wirtschaftsweise
  • Arbeitsorganisation

  • so wie ich sie wärend meiner Feldforschung kennen lernte, anordnen.

    4.2 Informanten, Bezahlung und Arbeitsrhytmus

    Bei meiner Arbeit mußte ich mich nach dem Arbeitsrhytmus der Leute, auf deren Mitarbeit ich angewießen war richten.
    Die Dorfbewohner halten sich mit einer sehr flexiblen Wirtschaftsweise gemischt aus Jagen, Fischen, Sammeln, Feldbau,Verkauf von Überschuß sowie Lohnarbeit und Verkauf von Kunsthandwerk über Wasser.
    Erledigt wird hiebei das, was im Moment am wichtigsten und notwendig ist. So schnell wie es die äußeren Umstände erlauben. Ist man bei der Arbeit auf dem Feld beispielsweise müde, durstig oder hungrig geworden, versucht man keine Selbstdisziplinierung im calvinistischen Sinne oder oder Selbstausbeutung im marxistischen Sinne.
    Eine Situation war in dieser Hinsicht besonders erhellend für mich:
    Nach dem wir den ganzen Tag über in sengender Hitze ein brandgerodetes Feld bepflanzt hatten, waren nur noch wenige Setzlinge übrig geblieben.Vor dem Hintergrund meiner eigenen Mentalität erwartete ich, daß man die restliche paar Setzlinge auch noch pflanzen würde, bevor man heim fuhr.
    Zu meiner Überaschung ließ man diese jedoch liegen und kehrte erst zwei Tage später zurück, um die Arbeit zu beenden.

    Wollte ich also Hilfe bei speziellen Aufgaben, wie etwa der Transkription von Tonaufnahmen rekrutieren, so mußte ich den Leuten die Wichtigkeit, dessen, was ich zu tun gedachte vermitteln.
    Als Beispiel möchte ich die Tatsache erwähnene, daß ich erst gegen Ende meines Aufenthaltes Erfolg mit dem Transkribieren hatte: Als die Zeit knapp und wurde und ich daher die Notwendigkeit zu handeln vermitteln konnte, fanden wahre Transkriptionsorgien statt.
    Sich zu verabreden war vor diesem allerdings Hintergrund so gut wie zwecklos.

    Im Grunde hatte ich keine Hauptinformanten und versuchte auch in dieser Hinsicht zu möglichst vielen Leuten Kontakt zu halten. Denn abgesehen davon, daß immer irgendjemand Zeit hatte, wenn auch nicht umbedingt eine bestimmte Person, hat jeder andere Vorteile als Informant.
    Auch das Thema der Bezahlung beschäftigte mich. Am Anfang hatte ich statt direkter Bezahlung etwa für die Beherrbergung getauscht.Als ich einmal mit der Familie zusammen wohnte, leistete ich einen regelmäßigen Beitrag zur Haushaltung, indem ich Mehl, Reis, Zucker und kleine Geschenke aus der Stadt mitbrachte. Seltener half ich direkt bei der Arbeit auf dem Feld oder beim Fischen mit.(Um nicht rein materialistisch zu rechnen, sollte man vielleicht auch meinen ideellen Wert als Mittlerin, und Freundin mit Unterhaltungswert erwähnen.)
    Als ich zu einem späteren Zeitpunkt versuchte, meinen Helfern Bezahlung anzubieten bekam ich nur ausweichende Antworten. Anscheinend fühlten wir uns gegenseitig in einem verwandtschaftsähnlichen System von Tauschbeziehungen eingebunden, innerhalb dessen solche Lohnverhältnis sich nicht mehr ohne weiteres integrieren ließen.

    4.3 Datentypen und Medien: (mit Beispielen)

    (-Notizbuch)

    - Tagebuch

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    - Zeichnung

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    (- Aufnahmen)

    - Vokabelkarten

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    - Fotos: (vergleiche die Aufnahmen in diesem Dokument und auf den von dort her zu erreichenden Seiten)

    Im Zentrum meiner Forschung standen zunächst Tagebuch und Notizblock also schriftliche Medien, die allenfalls durch einige Zeichnungen ergänzt wurden.
    Hierbei enthält das Tagebuch eine Vielzahl von Datentypen:

  • Interview
  • Befragungsantworten
  • Beobachtungen
  • spontane Äußerungen
  • persönliche Überlegungen
  • Träume
  • Emotionen
  • aber auch vorläufigen Analysen und Thesen.

  • Die gesammelten Daten unterscheiden sich nicht nur hinsichtlich des Mediums, mit dem sie aufgezeichnet wurden, sondern auch hinsichtlich ihrer Analysiertheit, Verdautheit und Bewußtheit.

    Gegenüber dem Photographieren und Aufnehmen hatte ich erst eine gewisse Scheu zu überwinden, vor allem was die Tonaufnahmen betraf, waren die Leute im Dorf um einiges entspannter als ich.
    Bei der Wahl des Aufzeichnungsmediums spielte aber nicht nur meine persönlichen Präferenzen eine Rolle, sondern die zu dokumentierenden Themem und Objekt selbst (Hier wiederholt sich auf anderer Ebene Damanns Lehrsatz: Sich vom Untersuchungsobjekt leiten lassen.)

    Als Beispiel mag die Beobachtung dienen, daß Fotos manchmal vorteilhaft sind, etwa um die Gleichzeitigkeit oder "Choreographie" von Handlung festzuhalten, Zeichnungen hingegen Details besser sichtbar machen können. Natürlich setzt auch das technische Material Grenzen. Komplexe Handlungsabläufe hätte ich gerne auf Video aufgezeichnet, um sie im Nachhinein in Ruhe mit den Akteuren besprechen zu können, jedoch stand mir ein solches Gerät nicht zur Verfügung. Sicher hätte ich auch weniger meine bisweilen unlänglichen Zeichenkünste bemüht, wenn ich eine Kamara mit Makro-Objektiv besessen hätte.
    Was Tonaufzeichnungen betrifft, so geben sie das dialogische einer Feldforschung am eindrücklichsten wieder und halten paralelle Äußerungen fest, die man in der Situation selbst nicht simultan erfassen könnte.

    Nach der Rückehr dienen Aufzeichnungen jeglicher Art als Erinnerungshilfe, erlauben nemotechnisch den Zugriff auf weiter bestehende Erinnerungen. Auch hier funktionieren Photos und Tonaufnahmen anders als schriftliche Aufzeichnungen.

    Die jeweilige Gesellschaft setzt ebenfalls ihre Präferenzen, die Tatsache, daß mir der Umgang mit dem Photoapparat viel schneller selbstverständlich wurde als der mit dem Aufnahmegerät, scheint mir in dieser Hinsicht nicht zufällig.Zum einen sind Tonaufnahmen sehr arbeitsintensiv für Ethnologe und Mitarbeiter. Zudem ist das Unterfangen der Transkription schwer verständlich. Warum soll man Dinge wörtlich wiederholen, die der Forscher doch so klar selbst hören kann?
    In dieser Hinsicht waren die Bilder und ihre Intention greifbarer und zugänglich für alle. Man konnte sie vor Ort (in Tucupita) vervielfältigen, gemeinsam betrachten und verschenken.
    Die Kamera wurde so für mich zu einem ungeahnt wichtigen Erkenntniswerkzeug. Indem ich alle Aufnahme vor Ort entwickeln ließ und sie dann den Photographierten zeigte, setzte sich ein gegenseitigen Lernprozeß in Gang:
    Mir ebenso wie den Anderen wurde mein Dokumentationsanliegen vor Augen geführt und die Photos wurden mit wachsendem gegenseitingen Verständnis aussagekräftiger.
    Anhand des Umgangs mit der Photographie gelang es mir so, Aspekte ethnologischen Arbeitens zu konkretisieren, die mit schriftlichen Medien für mich und meine Gastgeber abstrakt geblieben wären.
    Anhand des gegenseitigen Lernens wurde mir das dialogische, die Wichtigkeit von Zusammenarbeit besonders bewußt!
    Als Beispiel sollen die folgenden Photographien dienen:
    eine Hausdachphotographie, die ich alleine gar nicht hätte aufnehmen können und eine Aufnahme, die das Detail des Spaltens einer Liane zeigt, mit der die Blätter auf dem Dachgerüst festgebunden werden. Letzteres ist in dem Sinne estellt als ich den Ausführenden bar, die Aktion langsam auszu&führen, damit ich sie aufnehmen könne. Sie ist, um es mit einer Entlehnung von Geertz zu sagen, "dichter" (aussagekräftiger). Denn anders als eine verschämte Aufnahme aus dem Hintergrund zeigt sie genau das, was ich damals einfangen wollte, sie ist in dieser Hinsicht sogar "authentischer" als eine ungestellte es unter Umständen wäre.

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    dieses Photo machte mein Schwager, der das Dach deckte selbst,
    nachdem ich ihm die Handhabung der Kamera erklärt hatte.
    Ich hätte selbst nicht auf das Dach steigen können.

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    Das Spalten der Liane ini als Beispiel für
    Detailphotographie und Zusammenarbeit.

    Auch das Prinzip der Pendelbewegung zwischen dem Gewohnt-Werden einer fremde Kultur einerseits und dem Einsetzten eines verfremdenden Blickes auf die eigene Kultur andererseits materialisierte sich am ehesten in den Photos:
    Als ich meinen Aufenthalt in Venezuela für zwei Wochen unterbrach und nach Deutschland fuhr, brachte ich eigens hierfür gemachte Aufnahmen aus meiner Heimat mit, die ich den Dorfbewohnern zeigte. Es war interessant zu beobachten, welche Bilder sie besonders interessierten.

    5. Rolle der Medien

    Zitat von David Mac Dougall in Oppitz 1989:
    "Die Anthropologie muß Formen des Verstehens zulassen, welche die des geschriebenen Wortes ersetzen. Der Film muß Ausdrucksformen schaffen, die das anthropologische Denken refelktieren."

    In meiner Doktorarbeit will ich mir nicht nur zu der Rolle der Medien bei der Dokumentation sondern auch über ihre Rolle bei Analyse und Darstellung klar werden.
    Grenzen und Eigenschaften der einzelnen Medien wurden mir während des Aufenthaltes bewußter. In einer Wechselwirkungen übertrug ich Nutzungsmöglichkeiten von einem Medium auf das andere. So inspirierte mich die Tatsache, daß bei Filmen sogenannte "Atmos" (Umgebungsgeräusche) aufgenommen werden, bildlich und tonliche Gesamteindrücke aufzuzeichnen.
    Vor allem die Reflexion im Tagebuch erscheint mir im Nachhinein unabdingbar, um die Entwicklung meines fortschreitenden Verständnisses nachvollziehen zu können und die im emotional anstrengenden Feldforschungsalltag gesammelten Informationen nach der Rückkehr unter einer anderen Perspektive betrachten zu können .

    -> Analysegehalt von Bildern?
    Der Dokumentationswert von Bildmaterial vor allem von Photographien ist jedem einsichtig. Allerdings werden sie meist auf einen rein dekorativen oder illustrativen Zweck von Einzelbeobachtungen reduziert. Aber können sie nicht auch zum Beispiel einer Analysegehaltes Ausdruck verleihen? Vielleicht machen sie manche Analysen auch erst möglich, sind also auch eine Analyse Instrument?
    Ich denke zum einen können Photos in Reihen eine eigene Dynamik des Forschungsprozesses entfalten. Und zum anderen können sie auf offenere Art und Weise als schriftliche Dokumente zusammenfassende Aussagen machen. Wenn man einen Arbeitsprozeß dokumentiert, etwa die Herstellung eines Bootes, so versucht man gleichzeitig den Ereignis-Ablauf zu analysieren, um die prägnanten Arbeitsschritte aufzunehmen. Man wird vielleicht mehr Fragen an die Akteure stellen und sich eher Teil der Unternehmung fühlen und auch eher als aktiver Part von den anderen Beteiligten betrachtet werden.
    Ein einzelnes Photo kann dann einer Analyse oder zumindest einer Zusammenfassung gleichkommen.

    Beispiel: ein Photo als Schlußfolgerung.: 3 Paddel 2 Boote (Folie)

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    - Hiermit wäre die Ebene der Darstellung angesprochen
    Auf der Ebene der Darstellung scheint es mir Möglich, über eine Syntax der Bilder nachzudenken, wie wir sie beispielsweise aus Comics kennen in denen die Anordnung der Bilder und ihre verschiedenen Größen untereinander ihre relative Position im Gesamtzusammenhang anzeigen.
    Aber auch andere Medien oder Aufzeichnungsformen können einen solchen Stellenwert analog zu schriftliche niedergelegten Schlußfolgerungen haben:
    So kann man über der Traum als präverbale Feldforschungsnotiz und symbolische Darstellung tieferer Zusammenhänge nachdenken. Träume als unbewußte Analysen? Vor allem unsere eigenen Erinnerung arbeitet analytisch und organisieren bewußtes und unbewußtes Material. Beim Vergleich mit schriftlichen Aufzeichnungen auftretende Abweichungen können hier aussagekräftig und bedeutungsvoll sein.

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    IV Après-Champs

    Damit bin ich eigentlich schon beim dritten Teil der Feldforschung bei der Nachbereitung, die wie erwähnt bereits im Feld begann. Mit den Zwischenberichten und Vorträgen, die ich vor Ort an die dortige Forschungsorganisation IVIC und die Ölfirma, wie auch an meinen Geldgeber, den DAAD verfaßte.

    1. Abreise und Rückkehr in die eigene Gesellschaft

    Ein Weiteres Zitat aus meinem Tagebuch soll die Stimmung der Abreise vergegenwärtigen:
    -> Mein letzter Tag in Wakajara (vorgestern).
    - Insgesamt war meine Abreise unkomplizierter als meine Ankunft, da mit weniger Unsicherheit und Ungewißheit verbunden, trotz des mißglückten Abholens.
    - Ich glaube bis jetzt nicht, wirklich aus Wakajara weg zu sein. Das werde ich erst tun, wenn ich im Bus nach Caracas sitze. (10.03.99 Waka: T VI-188f.)

    Das Einleben viel mir schwer und die in Tübingen traditionell nervenaufreibende Wohnungssuche und Zwischenmiete standen für die Tatsache, daß ich einen Teil meines festen Bezugspunktes in der Heimat aufgegeben hatte.

    2. Nachlaufzeit:

    2.1 Weitere Geldbeschaffung und institutionelle Situation

    Als erstes stellte sich mir die Frage der weitere Geldbeschaffung aber auch die der institutionellen Anbindung,
    Obwohl man ,mich in Tübingen mit Sachkenntnis und Gutachten unterstützt hatte, wurde auf längere Sicht das Auffinden eines regionalen Experten als Betreuer notwendig.
    Hier orientierte ich mich nach Marburg zu Prof. Münzel

    Finanziell fand ich mein Auskommen als "Fremdarbeiter" in einem linguistischen Sonderforschungsbereich (SfB 441, Projekt A2) Die Einarbeitungsphase und der Versuch, meine Projektarbeit mit dem Thema meiner Magisterarbeit zu synchronosieren, kostet mich bis heute viel Zeit.Der Vorteil der Arbeitserfahrung im Unialltag und der Erweiterung meines Wissens, wird wohl erst in Zukunft voll zu Buche schalgen.

    2.2 Überlegungen (Was wurde aus den thematischen Vorsätzen?)

    - Rückblickend muß ich hinsichtlich der Erforschung sprachlicher Themen feststellen, daß der Spracherwerb langsam voranging, da ich meine Zeit zwischen sprachlichen und anderen ethnographischen Themen aufteilte. Oft nahm ich an mehrere Tage dauernden Aktivitäten und Ausflügen teil, die ich in Wort und Bild dokumentierte, ergänzt durch gezieltes Nachfragen.
    Da Tonaufnahmen eine relativ gute Beherrschung der Sprache voraus setzen, es sei denn man nimmt in Kauf Datenfriedhöfe zu produzieren, verschob sich das Sammeln solcher Daten schwerpunktmäßig auf das Ende des Aufenthaltes.
    Das lag auch daran, daß ich mich mit dem Aufnahmegerät schwerer tat als mit der Kamera und dem Notizblock. Hatte ich anfangs Skrupel meinen Versprechungen hinsichtlich des sprachlichen Schwerpunkts nicht nachkommen zu können, so stellte sich im Nachhinein heraus, daß es Prof. Heinen eigentlich für noch wichtiger hielt, Vergleichsmaterial zu kulturellen Themen zu erlangen.
    Das kam meinem breiten Interesse entgegen.

    Was mir weiterhin Kopfzerbrechen bereitet, ist die Form, die meine dereinst annehmen soll. Jeder, der die jüngere Geschichte des Faches ge kennt, weiß, daß eine traditionelle Monographie heute nicht mehr geschrieben werden kann.

    Wichtig wäre es mir, Bild- und Tonmedien stärker in den Prozeß der Analyse und Darstellung einbeziehen zu können. Ein Unterfangen, welches durch die heutigen technischen Möglichkeite, etwa der CD-Rom machbar sein sollte.

    V Schlußbemerkung

    Ich hoffe, die hier vorgetragenen Erfahrungen und Überlegungen, ermuntern die Zuhörerschaft, selbst eine Feldforschung zu machen. Zusammenfassend kann ich nur herausstreichen: Es erwächst einem ein enormer persönlicher und professioneller Erfahrungsschatz.

    - Wenn die Mücken einem egal werden...
    Als Beispiel für die Faszination der Unternehmung, halte ich mir jene Nacht vor Augen als auch einem unglaublich dichten Schwarm von Stechmücken nicht gelang, meine Konzentration nicht von einem Heilungsritual abzuziehen.

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    VI Zitierte Literatur:

    Kalka , Claudia. 1995. "Eine Tochter ist ein Haus, ein Boot und ein Garten": Frauen und Geschlechtersymmetrie bei den Warao-Indianern Venezuelas. Münser, Hamburg: Lit.

    Dammann, Rüdiger. 1991. Die dialogische Praxis der Feldforschung : der ethnographische Blick als Paradigma der Erkenntnisgewinnung. Frankfurt a. M.: Campus.

    Geertz, Clifford. 1987. Dichte Beschreibung : Beiträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

    Oppitz, Michael. 1989. Kunst der Genauigkeit : Wort und Bild in der Ethnographie. München: Trickster.

    VII Weiterführende Literatur